Katastrophentourismus?

Vielleicht. Aber eigentlich habe ich nur auf die Tram gewartet und konnte nicht widerstehen, mal einen Blick auf die Menge zu werfen. Hier die Liebig 14 am letzten Mittwoch, die Räumung in vollem Gange.

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Eilmeldung: Kapitalismus immer noch da, Alternativen weiterhin attraktiv für Alternative

Also alles wie vorher? Vermutlich ja. Das Liebig 14 wurde geräumt, es gab einige Verletzte und Festnahmen, wir sind unbeschadet durchgekommen. Ein paar mal war ich näher dran, als ich sein wollte, aber wenigstens die Kinder haben nichts davon mitbekommen, außer dass viele Polizeiautos im Kiez unterwegs waren.

Zwei Fotos habe ich gemacht, die zeige ich Euch später.

Morgen wird der Kapitalismus abgeschafft. Oder die Alternative.

Morgen soll bei uns in der Nachbarschaft, in der Liebigstraße 14, ein ehemals besetztes Haus geräumt werden. Die Besetzer sind längst legalisiert, haben 1992 Mietverträge geschlossen. Seitdem hat aber nicht nur der Eigentümer gewechselt, auch die offiziellen Mieter wohnen angeblich (höchst wahrscheinlich) nicht mehr dort. Nun ist im Januar der letzte Versuch gescheitert, eine Räumung auf juristischem Weg zu verhindern. Echte Verhandlungen zwischen den Parteien hat es, so wird jedenfalls auch in den „bürgerlichen Medien“ berichtet, nie gegeben.

Vordergründig ging es bei der Kündigung der bestehenden Mietverhältnisse um eine unerlaubt eingebaute Tür, die auch den Hausbesitzern und deren Beauftragten den Zugang zum Gebäude versperrte. So was geht natürlich nicht, aber in Wirklichkeit geht es Vermietern und Bewohnern um etwas anderes.

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Gegenüber

„Fenster zum Hof“ hat im aktuellen Beitrag die Bruchbude gegenüber unserer Wohnung zum Thema.

Der letzte Absatz kommt ein wenig hart rüber, aber das Einzelhandels-Highlight unseres Häuserblocks ist in der Tat der Vorwende-Laden, der erst kürzlich im Friedrichshainblog behandelt wurde.

Die neue Heimat

Über das Tor nach Friedrichshain

Unter uns

Nicht schön: Neues „Thor Steinar“-Geschäft in Friedrichshain. Das ist ziemlich bei uns in der Nähe.

Es war schon klar, dass wir da nicht in ein innerstädtisches Utopia ziehen, in dem Toleranz, gegenseitiger Respekt und kulturelle Offenheit selbstverständlicher sind als anderswo, bloß weil hauptsächlich dunkelrot-grün gewählt wird. In der Tat scheint rechte Gewalt ein relative großes Thema in Friedrichshain zu sein, jedenfalls in der Nähe der diversen „linken Projekte“ und auch dem Kneipenviertel im Boxhagener Kiez, aber auch immer wieder in unserem Kiez.

Eine unbequeme Sache das, Nachbarn und Gäste, die man lieber nicht haben möchte. Denn solche Läden sind ja nicht nur Einzelhandelsgeschäfte mit spezieller Zielgruppe, sondern eben auch ein Teil Infrastruktur der rechten Szene.

Noch ein Nachtrag, gerade gefunden: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/121946/index.php

Stadt der brennenden Autos

Dass in bestimmten Stadtteilen Berlins wieder und wieder Autos angezündet werden, findet außerhalb der Stadt kaum Beachtung, und auch die Berliner haben sich scheinbar ein wenig damit abgefunden. Erst seit die oppositionelle CDU, in den Wochen und Monaten zuvor eher mit sich selbst beschäftigt, das Thema für sich entdeckt hat und der Polizei durch die Presse gute Ratschläge erteilt, werden die Meldungen in der Lokalpresse wieder etwas größer und ausführlicher. Bereits 23 Fahrzeuge sind alleine in diesem Jahr, das ja erst 28 Tage alt ist, in Brand gesetzt worden, seit 2007 schon über 250 (die B.Z. zählte letzte Woche schon 359, jedoch ohne Angabe eines Zeitraums). Lokale Schwerpunkte sind, nicht gerade überraschend, Kreuzberg, Pankow (inklusive Prenzlauer Berg) und Friedrichshain. Stadtteile mit einer starken Durchmischung von Einkommensschichten, wo Arm und reich noch Tür an Tür wohnen, die Besserverdienenden aber klar auf dem Vormarsch sind. Sanierung heißt in Berlin auch häufig Aufwertung und damit Mieterhöhung und letztlich Vertreibung von Alteingesessenen.

Während dieser Vorgang im Prenzlauer Berg mit angeblich ca. 80% Zugezogenen schon quasi abgeschlossen ist, stellt Friedrichshain derzeit das Paradebeispiel für die „Umstrukturierung“ eines Wohnbezirks dar. Wir als Neu-Berliner sind natürlich ein Teil der Entwicklung. Zwar haben wir nicht den (hier) vielzitierten Stuck an der Decke, der die Mieten mit in die Höhe treibt, aber auch unsere Wohnung hat früher sicher nur halb so viel gekostet. Liebstes Feindbild der selbsternannten „Freiraumverteidiger“, die sich auf die Fahnen schreiben, ein Recht auf alternative Wohn- und Lebensformen sichern zu wollen, sind aber die neu gebauten Townhouses, die derzeit überall aus dem Boden schießen, so auch am Blankensteinpark bei uns um die Ecke. Diese kompakten, innen aber überraschend großzügigen Häuser, oft mit Dachterasse, gehen je nach Lage und Ausstattung für so um die 300.000 bis 400.000 Euro weg. Das ist für viele Leute, die jetzt noch direkt ums Eck wohnen, unerreichbar. Die Kräfte des Marktes wirken, der Mietspiegel steigt und die nächste Sanierungswelle kommt bestimmt.

So weit, so böse. Die Idee, sich auch als Vermieter eines oder mehrerer Mietshäuser neue Mieter zu suchen, die mehr zu zahlen bereit sind, ist nicht schön, aber auch verständlich. Dass der Bau von Eigentumshäusern auf den letzten freien innerstädtischen Flächen die Mieten indirekt auch in den umgebenden Straßen in die Höhe treibt, ist auch nicht schön, aber soll man deswegen darauf verzichten? Sind die Leute, die dort einziehen, der Feind? Bin ich der Feind, weil ich mir für eine vierköpfige Familie eine 100 qm-Wohnung für 660 Euro kalt leiste? Wie tolerant sind wir eigentlich und wieviel Toleranz können wir erwarten? Diese Fragen sind nicht so leicht zu beantworten.

Und was haben brennende Autos damit zu tun? Vielleicht viel, schließlich sind in „umstrukturierten“ Gegenden abgestellte Luxusautos ein beliebtes Ziel, neben Fahrzeugen der Bahn und der Post. Schließlich kann man hier die ungeliebten neuen Nachbarn empfindlich treffen, ihnen materiellen Schaden zufügen und deutlich klar machen, dass sie nicht erwünscht sind. Und nebenbei ein bisschen „Spaß“ haben.
Vielleicht haben sie auch wenig damit zun tun und der Porsche Cayenne um die Ecke bietet nur ein wilkommenes Ziel für die Lust am Zündeln.
Vielleicht beides ein bisschen, das Leben ist ja nicht immer so schwarz und weiß.
Egal wie es gemeint ist: ob es was ändert? Unwahrscheinlich. Ob es Sympathien weckt für innerstädtische „Freiräume“? Wohl kaum. Ob die Verursacher das interessiert? Ich bezweifele es.

Der genannte Porsche Cayenne um die Ecke ist auch keine Abstraktion, schon oft habe ich ihn gesehen und mich ein wenig gewundert, wer sich traut, den Nacht für Nacht in der Eldenaer Straße abzustellen. Wirklich überrascht war ich dann auch nicht, als ich ich am letzten Sonntag so vorfand:

Etwas erleichtert war ich jedoch, dass der Besitzer sein Fahrzeug, übrigens nicht ganz erlaubt, dort abgestellt hatte, wo es hier zu sehen ist, und nicht in der großen Parklücke, die man schräg gegenüber sieht – denn der grüne Van auf der anderen Straßenseite ist unsere Familienkutsche und wäre leicht zum Kollateralschaden geworden. Vielleicht hätten wir dann eine Antwort gehabt auf die Frage, ob wir der Feind sind.

Stattdessen fragt sich nun der Besitzer eines Golf II, ob das denn von der Versicherung bezahlt wird, denn sein Wagen ist mit in Flammen aufgegangen. Vielleicht sollte jemand Stoßstangenaufkleber anbieten, welche die Besitzer von Luxusautos auffordern, beim Parken einen Sicherheitsabstand von midestens 5 Metern einzuhalten.

Im Zuge des neuen Medieninteresses brachte die Morgenpost erstmals auch einen Bericht über ein Opfer der Anschlagsserie, zufällig den Besitzer den oben gezeigten Porsche. Ob der sich damit einen Gefallen tut, ist fraglich. Der Bericht, der erwartungsgemäß den Geschädigten als gar nicht so bösen Typen, der sich aus einfachen Verhältnisssen nach oben gearbeitet hat, zeigt jedoch deutlich, wie weit die Wahrnehmungen voneinander entfernt sind.

Dem Durchschnittsbürger und erst recht dem typischen Morgenpost-Leser mag die Geschichte des Porschefahrers ja gefallen, aber weder er selbst noch der Autor des Artikels merken scheinbar, wie exakt Herr Goile dem Feindbild der Brandstifter entspricht: aus dem Westen zugezogen, in der Immobilienbranche tätig, den sozialen Aufstieg geschafft und mit dem Porsche sichtbar dokumentiert – das alles darf einen Menschen nicht zur Zielscheibe von Gewalt (auch nicht gegen sein Auto) machen, aber wer glaubt, mit Hinweisen, der Porsche sei hart erarbeitet und sogar „klimafreundlich“ umgebaut, irgend jemanden beeindrucken zu können, der Autos anzündet oder dies gutheißt, der muss sich auf eine Enttäuschung gefasst machen. Nicht mal mich kann das besonders für den Geschädigten einnehmen, obwohl mich das Gefühl beschleicht, dass Herr Goile uns vielleicht nicht unähnlich sind – und nicht nur, weil wir beide aus dem Bergischen Land stammen.

Eine Dokumentation der Brandanschläge mit Ortsangabe gibt es unter brennende-autos.de, der Tagesspiegel und alle anderen Lokalzeitungen berichten derzeit recht ausführlich und das Thema Umstrukturierung/Gentrifizierung ist immer mal wieder im Blick des Friedrichshainer Blogs Fenster zum Hof.

Kommentare, irgendjemand?

PS: nachdem ich am Wochenende noch mal am „Tatort“ vorbeigekommen bin (schließlich stand unser Auto immer noch da) muss ich noch 2 1/2 Richtigstellungen anbringen:

1. Der Porsche stand nicht so falsch geparkt, wie ich gedacht hatte; zwar nahe an einer Einfahrt, aber nicht direkt an einer Einmündung

2. Das beschädigte Auto, welches vor dem Porsche geparkt war, ist kein Golf II, sondern etwas neuer; Golf II oder IV

2,5: Besagtes beschädigtes Auto lässt sich vielleicht noch reparieren, ist aber wohl nicht wirtschaftlich. Der Motorraum scheint unversehrt, „nur“ Heck und Innenraum sind ausgebrannt.

Irgendwo neben Berlin

Ich hatte ja neulich schon geschrieben, dass wir uns bei unserem Weihnachtsausflug zum Brandenburger Tor wie Touristen in der eigenen Stadt gefühlt haben. Inzwischen sind wir ja schon ein paar Wochen länger hier, aber zur Zeit kriegen wir von Berlin wenig mit.

Ich steige halt Morgens in die Tram und fahre einmal rund um den Prenzlauer Berg zur Arbeit nach Mitte, Abends wieder zurück. Wenn ich mal eine Portion Großstadtleben brauche, fahre ich andersherum über den Alexanderplatz und die Friedrichstraße. Das ist allerdings mit zweimaligem Umsteigen verbunden und seitdem die Baustelle an der Eberswalder Straße scheinbar aufgelöst ist auch nicht mehr schneller.

Ansonsten findet unser Leben halt in Friedrichshain statt, zwischen Comeniusplatz (Kinderarztpraxis) und Ringcenter (für den Großeinkauf). Ist aber auch gut, denn dazwischen liegt alles, was man braucht. Und nach Berlin machen wir dann immer wieder gerne einen Ausflug.