Ausgelesen: bunte Mischung

Vor dem Urlaub hatte ich auf Facebook folgendes gepostet: „Ein Optimist ist jemand, der mit zwei Kindern und drei Buechern in den Urlaub faehrt.“ Bei der Behauptung bleibe ich, aber da Abendunterhaltung eh ausfiel, weil David nicht alleine im Zimmer bleiben wollte, habe ich tatsächlich eines der drei Bücher, die ich mitgenommen hatte, geschafft und ein weiteres angefangen. Und da ich mit meinen Leseberichten stark im Rückstand bin, gibt es heute mal wieder eine ziemlich wilkürliche Mischung vorzustellen:

Elmore Leonard – Djibouti

So  viel Cool auf einmal gibt es selbst bei Elmore Leonard nicht alle Tage. Ein Haufen teils bis ins Bizarre überzeichneter Charaktere tummeln sich am Horn von Afrika und warten auf den Großen Knall. Coole Piraten, coole Terroristen, coole Agenten und dazwischen eine coole Dokumentarfilmerin und ihr cooler Kameramann. Das Ergebnis ist, wie meistens bei Leonard, ein cooles kleines Buch (aber immerhin fast 300 Seiten), das sich hervorragend als Urlaubslektüre eignet. Wie immer besticht der Altmeister mit eine Mischung aus scharfen Dialogen, überraschenden Wendungen, starken Frauenrollen und läst die Grenzen zwischen Alltäglichem und Extremem ebenso verschwinden wie die zwischen Gut und Böse. Wobei es in Djibouti natürlich ein paar echte Bösewichte gibt. Man merke sich: Piraten sind cool und eigentlich ganz ok; die wollen nur reich werden und dabei Spaß haben. Al-Quida-Terroristen sind können auch ganz cool sein, sind aber gar nicht ok. Die wollen nur kaputt machen.

Auffällig ist die nicht-lineare, teilweise gewöhnungsbedürftige Erzählstruktur. So etwas ist man von Elmore Leonard nicht gewohnt, aber er kriegt es hin und es passt. Djibouti hat, auch unter Fans des Autors, eher gemischte Reaktionen hervorgerufen. Mir hat’s gefallen.

T.C. Boyle – When the Killing’s Done

Darf der Mensch in die Natur eingreifen, um die Folgen früherer, unbewusster Eingriffe zu korrigeren? Darf er dabei Tiere töten? Oder allgemeiner: heiligt der Zweck manchmal die Mittel? Wichtige, aktuelle Fragen und ganz normale Menschen, die sich mit ihnen auseinandersetzen müssen, stehen oft im Mittelpunkt von Boyles Geschichten. Damit von vornherein keine Misverständnisse aufkommen: Alma hat nichts gegen Tiere. Sie ist Vegetarierin, aus Gewissensgründen. Sie arbeitet an einem Projekt, bedrohte Tiere zu schützen. Dazu gehört aber auch, ganze Populationen anderer Arten, die sich durch die Unachtsamkeit der Menschen in Gebieren breit gemacht haben, wo sie nicht hingehören und jetzt den heimischen Tieren die Lebensgrundlage entziehen, zu vernichten. Alma hält das für gerechtfertigt.

Ihr Gegenspieler Dave hat sehr absolute Ansichten über das Töten von Tieren: geht gar nicht, aus keinem noch so noblem Beweggrund.

Beide Figuren sind nicht gerade Sympathieträger, was es manchmal schwierig macht, beim Lesen am Ball zu bleiben, aber das zeichnet Boyle ja aus: seine Charaktere wirken echt, mit echten Schwächen und Ängsten und Zielen.

When the Killing’s Done beschreibt die jahrelange Auseinandersetzung um die Fauna der Channel Islands of California und erzählt in Rückblenden von ihrer Geschichte und ihren Bewohnern.

Mal wieder ein rundum gutes Buch von T.C. Boyle, sehr empfehlenswert.

Charlaine Harris – Dead Until Dark

Gesine und ich sind große Fans der wunderbaren TV-Serie „True Blood“. Ich für meinen Teil nicht wegen, sondern trotz der Vampir-Thematik. Gesine hat auch mit Wonne die Buchvorlagen zum Teil schon mehrfach verschlungen und ich gratuliere mir immer noch selber für dieses gelungene Geburtsagsgeschenk. Neulich, als ich mal gar nichts zu lesen hatte (vielmehr: als ich keine Lust auf eines der Bücher auf dem dicken Stapel neben meinem Bett hatte), habe ich den ersten Band gelesen. Ging schnell, war unterhaltsam, hat aber nicht wirklich Lust auf mehr gemacht. Vielleicht, wenn ich mal gar nichts mehr zu lesen habe …

William Gibson – Zero History

Ich hatte mir vorgenommen, einen längern Artikel nur zu diesem Buch zu schreiben (und hier auch angekündigt). Inzwischen ist fast ein Jahr vergangen und ich weiß nicht mehr, was ich darin sagen wollte, daher lasse ich es lieber. Wer Gibson mag, wird nicht enttäuscht werden. Mehr vom Gleichen, und manchmal ist das ja auch ganz gut. Konsum, Markenwirkung, Image, Marketing stehen im Mittelpunkt der losen Triologie, die Zero History zusammen mit Pattern Recognition und Spook Country bildet. Dazu wie immer eine solide Thrillerhandlung, komische Käuze und technischer Schnickschnack. Science-Fiction-Fans seinen gewarnt: diese Triologie spielt in der Gegenwart und beinhaltet keine Zukunftsvisionen.

Es bleibt aber bemerkenswert, wie eng Gibson, dem nach wie vor die Erfindung des Wartes „Cyberspace“ nachgesagt wird und der in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts viele zukünftige soziale und kulturelle Aspekte der Vernetzung, Digitalisierung und Globalisierung zum Thema seiner Romane gemacht hat, am Puls der Zeit ist, die Rolle  von Technologie und Medien angeht. Guerilla Marketing und Augmented Reality gehörten zu den Themen der mit Zero History abgeschlossenen Triologie, noch bevor diese Begriffe exisiterten.

Daniel Woodrell – Winter’s Bone

Als Spiegel Online Leser kam man ja um Lobeshymnen um den Film nicht herum, also habe ich ihn mir angesehen. Ein toller Film, atmospharisch dicht, spannend, düster. Winter’s Bone erzählt die eigentlich recht simple Geschichte von einem Mädchen mitten im Nirgendwo Amerikas (den Ozarks), das seinen verschollenen Vater sucht, einen kautionsflüchtigen Meth-Koch, der sein Haus als Sicherheit für seine Kaution verpfändet hatte. Taucht er zu seiner bevorstehendenGerichtsverhandlung nicht auf, müssen Ree Dolly, ihre kranke Mutter und ihre beiden kleinen Geschister das Haus verlassen. Ihre Nachfragen in dem weit verzweigten Clan der Dollys stoßen aber nicht auf Gegenliebe. Toller Film, unbedingt ansehen.

Und weil ih ihn so gut fand, habe ich das Buch direkt hinterhergelesen. Ist auch empfehlenswert, aber da der Film sich sehr eng an das Buch hält, würde ich raten, erst mal eines davon zu probieren, und dabei den Film favorisieren, nicht zuletzt wegen der tollen Darsteller. Also gibt es mal ausnahmsweise einen Filmtipp in der Buchkolumne.

Owen Sheers – Resistance

Ich schreibe hier ja oft und gerne, dass ich bestimmte Genres nicht mag, nur um dann zu gestehen, dass ich doch wieder einen Thriller oder einen Fantasyroman gelesen habe. Was aber wirklich gar nicht geht, ist „alternate history“, also Geschichten, die Voraussetzen, dass sich die Geschichte leicht anders entwickelt hat. Davon lasse ich aus Überzeugung die Finger weg. Ok, Fatherland habe ich mal gelesen, aber das ist fast 20 Jahre her. Aber jetzt ist es wieder passiert, und zwar aus Versehen. Und es hat gar nicht weh getan! Weil nämlich Owen Sheers gar nicht darüber schreibt, wie es kommt, dass die Nazis England besetzt haben und wie anders die Weltgeschichte deswegen verläuft, sondern sich nur darauf konkentriert, das Leben in einem isolierten kleinen Dorf in Wales zu beschreiben. Die Männer sind alle weg, im Widerstand, die Frauen führen unter harten Bedingungen die Höfe alleine weiter und kümmern sich um die Herden, und plötzlich taucht ausgerechnet dort ein Trupp deutscher Soldaten auf. Das Ergebnis ist eine schöne kleine Geschichte über Menschen in Extremsituationen, die durchaus empfehlenswert ist.

Den pseudo-historischen Hntergrund beschreibt der Autor nur am Rande und benutzt ihn nur als eben das: einen Hintergrund für seine Geschichte, nicht als ihr Kernelement. Für das, was er erzählen wollte, hätte er die Handlung auch in einem tatsächlch besetzten Land spielen lassen können, Norwegen vielleicht, aber er wollte Resistance halt in seiner Heimat ansiedeln. Dafür hat er große Umwege in Kauf genommen und das kann man ihm auch nicht wirklich übel nehmen.

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