Morgen wird der Kapitalismus abgeschafft. Oder die Alternative.

Morgen soll bei uns in der Nachbarschaft, in der Liebigstraße 14, ein ehemals besetztes Haus geräumt werden. Die Besetzer sind längst legalisiert, haben 1992 Mietverträge geschlossen. Seitdem hat aber nicht nur der Eigentümer gewechselt, auch die offiziellen Mieter wohnen angeblich (höchst wahrscheinlich) nicht mehr dort. Nun ist im Januar der letzte Versuch gescheitert, eine Räumung auf juristischem Weg zu verhindern. Echte Verhandlungen zwischen den Parteien hat es, so wird jedenfalls auch in den „bürgerlichen Medien“ berichtet, nie gegeben.

Vordergründig ging es bei der Kündigung der bestehenden Mietverhältnisse um eine unerlaubt eingebaute Tür, die auch den Hausbesitzern und deren Beauftragten den Zugang zum Gebäude versperrte. So was geht natürlich nicht, aber in Wirklichkeit geht es Vermietern und Bewohnern um etwas anderes.

Der linken Szene, in der das Projekt angeblich nicht ganz unumstritten ist (aber wann ist man sich dort schon mal über irgendetwas einig?) geht es um das Verteidigen von „Freiräumen“, um den Erhalt alternativer Wohn- und Lebensformen und um den Widerstand gegen die Gentrifizierung der Berliner Innenstadt durch Yuppies wie uns. Und natürlich gegen Staat, Senat, Polizei.

Den Vermietern geht es vermutlich darum, dass sich ihr Investment endlich mal auszahlen muss. Die Mieten im Viertel sind in den letzten Jahren kräftig gestiegen (der Kampf gegen die Gentrifizierung war nicht sonderlich erfolgreich), Leute wie wir zahlen dort Mieten, die ein Vielfaches über dem liegen, was in den 1992 vereinbarten Mietverträgen festgelegt wurde. Denn die galten weiterhin, mit den gleichen Mieten. Mit Hilfe eines weiteren Investments in eine Kernsanierung kann man aus dem Liebig 14 sicherlich ein ganz normales Mietshaus mit ganz normal überteuerten 3-Zimmer-Wohnungen machen und hat in 20 oder 30 Jahren seinen Einsatz zurück oder macht einen guten Schnitt beim Weiterverkauf. Soweit so gut, so funktioniert der Kapitalismus halt und ich habe mich damit abgefunden, dass ich den nicht überwinden werde.

Während die linke Szene mobil macht und „Aktivisten“ aus ganz Europa anreisen, stellt „der Staat“ dem bedauernswerten Gerichtsvollzieher ein Heer aus 2.000 Polizisten zur Seite, inklusive Hubschraubern und (angeblich) SEK auf den umliegenden Dächern. Einen ersten Vorgeschmack bekamen die Beteiligten am letzten Samstag, als es während einer Demo zu Krawallen kam. Vierzig verletzte Polizisten wurden gemeldet, Steinwürfe von Dächern, eingeschmissene Scheiben und demolierte Autos. Eigentlich alle rechnen auch für morgen mit gewalttätigen Ausschreitungen.

Und wir? Wir gehen jedenfalls einen Umweg zur Kita (Alexander ist nach einer Woche mit Fieber heute erstmals wieder da und David folgt hoffentlich morgen nach ebenso langer Abwesenheit). Dass die Räumung letztlich erfolgen wird, steht eigentlich außer Zweifel und das Leben geht weiter. Aber natürlich stellt sich trotzdem die Frage, wie man selber dazu steht.

Auf Krawalle und  Randale kann ich gut verzichten, nicht nur im eigenen Viertel. Vor den zugereisten „Aktivisten“ graut mir auch wesentlich mehr als vor den Hausbewohnern, die ich zwar nur vom Vorbeigehen kenne, aber nicht für „anarchistische Gewalttäter“ oder ähnliches halte. Gentrifizierung und vor allem die damit verbundenen Verdrängung von Menschen ist ein reales Problem, nicht nur in Berlin, aber gerade in Friedrichshain ist dieser Prozess in vollem Gange. Ganz unschuldig bin ich sicherlich auch nicht, zum Feindbild der Linken gehöre ich sowieso. Unser Geld und Wille, die neuen gestiegenen Mieten im Kiez zu zahlen, sind Teil der Preis- und Verdrängungsspirale.

Persönlich schuldig fühle ich mich deswegen aber nicht. Der Gedanke, mir das Wohnen in unserem Viertel zu verbieten, aus was für einem Grund auch immer, ist grotesk. Dass wir uns die höhere Miete leisten können, um dafür in einem der interessantesten Teile der Innenstadt wohnen zu können, ist auch kein Charaktermakel. Dass wir für die Wohnung vielleicht zu viel zahlen, ist dumm, aber nicht gemein.

Man könnte behaupten, dass gerade die Nachbarschaft zu Häusern wie dem Liebig 14 unseren Kiez so interessant macht. Das würde ich gerne glauben, aber die traurige Wahrheit ist, dass wir es nicht wirklich merken werden, wenn dort ein ganz normales Mietshaus entsteht. Mein Leben hat das Projekt nicht bereichert, ich werde es nicht vermissen. Aber es hat mich auch nicht gestört. Die Idee, andere Formen des Zusammenlebens ausprobieren zu wollen, ist nichts mehr für mich, aber generell finde ich so etwas eher gut.

Und die Eigentümer? Das Recht auf Eigentum finde ich auch ziemlich wichtig und die Idee, Geld verdienen zu wollen, auch nicht widerlich. Für mich besteht kein Zweifel, dass die Vermieter im Recht sind und auch nicht, dass es Aufgabe des Staates ist, beim Durchsetzen dieses Rechts zu helfen. Dass die Eigentümer sich aus den Diskussionen um Alternativlösungen raus gehalten haben, kann ich nachvollziehen und habe sogar Verständnis dafür. Aber eines juckt mich doch: die neuen Eigentümer haben das Haus in vollem Wissen über die bestehenden Verträge gekauft. Dass unter diesen Umständen kein Geld mit der Immobilie zu verdienen war, liegt auf der Hand.

Nein, die beiden Herren haben das Haus mit der Absicht gekauft, die aktuellen Mieter bei sich bietender Gelegenheit rauszukriegen, in der Überzeugung, dass sie das besser könnten als die Alteigentümer. Weil sie den längeren Atem haben, cleverer sind, oder einfach rücksichtsloser. Das mag legitim sein, aber es stinkt.

Als Nachtrag noch ein Artikel bei Spiegel Online.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: