Gelesen: Deprimierendes

Gelesen habe ich auch wieder einiges und möchte davon berichten. Erbauliches war nicht dabei, eher deprimierend das Ganze – aber vielleicht liegt das ja auch an mir. Das heißt aber nicht, dass es nicht unterhaltsam war oder die vier Bücher nicht empfehlenswert seien – im Gegenteil.

Douglas Coupland – Generation A

Der erste Eindruck sagt: mehr vom Gleichen von Coupland, denn seine wiederkehrenden Themen und Erzählmuster greift er auch in Generation A auf. Nicht nur vom Titel erinnert der Roman an Generation X, jenes Buch, das Coupland in den neunziger Jahren bekannt gemacht hat. Wieder geht es um den drohenden Weltuntergang, der inzwischen natürlich etwas nähergerückt ist, oder vielmehr um die Angst vor dem Ende der Welt. Und wieder verarbeiten seine Protagonisten ihre Angst, indem sie sich Geschichten erzählen. Diese Geschichten machen wohl etwas weniger als die Hälfte des Buches aus, bilden aber letztlich das Kernstück des Romans.

Wie meistens stehen weniger die Beziehungen zwischen Menschen im Mittelpunkt von Couplands Erzählung (oder der Geschichten, die seine Figuren einander erzählen), sondern die Interaktion des Menschen mit seiner Umwelt und seine Suche nach Sinn oder zumindest seinem Platz in der Welt. Und wie immer fährt er ein Panoptikum der Beinahe-Außenseiter auf, der Fast-Verrückten oder einfach nur ganz normale Eigenbrötler.

Seine Charaktere interessant, klischeefrei und glaubwürdig zu machen ist eine der Stärken des Autors, die er gekonnt ausspielt – auch wie immer. Die Sprache ist klar und direkt, allerdings wirken manche seiner Popkultur-geprägten Metaphern ein wenig bemüht – ging mir auch bei früheren Werken so.

Also wirklich alles wie immer? Vielleicht, aber für Leser, die Douglas Coupland mögen (so wie ich) ist das durchaus als Empfehlung zu verstehen. Wer ihn noch nicht kennt, kann anhand von Generation A einen guten Eindruck gewinnen. Nur wer Coupland noch nie mochte, sollte die Finger davon lassen; denn alles, was man früher schon nicht nicht gut fand, ist immer noch drin.

Tom Rachman: The Imperfectionists

Während Coupland die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt zu beleuchten sucht, geht es in Rachmans Romandebüt nur um den Menschen und das menschliche Miteinander. Anhand der Mitarbeiter einer englischsprachigen Tageszeitung in Rom erzählt er in episodenhafter Form von den kleinen und großen Gemeinheiten, welche Leute einander antun, von Missverständnissen, bösen Absichten, verlorenen Idealen, vertanen Chancen und unerfüllten Hoffnungen.

Seine Figuren sind furchtbar normal, wirken vertraut in ihrer Erbärmlichkeit und manchmal auch Bosheit. Die überzeugende und ungekünstelte Charakterisierung ganz normaler Menschen mit ihren mehr oder weniger offensichtlichen Unzulänglichkeiten ist meisterlich und dass Rachman den Leser dazu bringt, diese Ansammlung von Verlierern und Blödmännern mitunter auch noch sympathisch zu finden, ein Geniestreich.

Ganz nebenbei erzählt Rachman dann noch die Geschichte einer Zeitung und durch sie vom Wandel der Nachrichtenkultur und des Journalismus seit dem Zweiten Weltkrieg. Schon das alleine macht The Imperfectionists zu einem absolut lesenswerten Buch. Das Gesamtpaket ist absolut empfehlenswert, wenn auch nicht geeignet, gute Laune zu schaffen. Aber was will man denn erwarten, wenn ein Autor ganz  normale Menschen aufeinander loslässt.

Richard Price: Samaritan

Endlich mal wieder ein Buch, dass mit einem Testimonial vonvon Stephen King auf dem Cover kommt: „Absolutely reviting. Samaritan blew my mind“. So so, Herr King.

Wie schon in Freedomland und Clockers führt Richard Price seine Leser in die fiktive Stadt Dempsy, New Jersey, genauer gesagt in die trostlosen Wohnblocks am Rande der Stadt. Dorthin kehrt der erfolgreiche Drehbuchautor Ray Mitchell zurück, um ehrenamtlich an seiner ehemaligen Highschool zu unterrichten. Bald darauf haut ihm jemand etwas schweres über den Kopf.

Dabei steht weniger die Krimihandlung im Vordergrund als die Stadt und die Menschen, die in ihr leben. Price zeichnet ein buntes lebendiges Bild der grauen Hochhaussiedlungen, in denen Gewalt und Armut das Leben prägen. Zu den großen Stärken des Buches gehören wieder einmal die Dialoge und die scharf gezeichneten Figuren, welche die Welt von Dempsy lebendig werden lassen. Mit Ray schafft er ein überzeugendes Portrait eines selbstbezogenen Gutmenschen mit Helferkomplex, der wider besseren Wissens nicht nein sagen kann und sich selbst und den Menschen in seiner Umgebung damit meistens keinen Gefallen tut. Das weckt nicht wirklich Sympathie, vermag aber durchaus zu fesseln. Auch ohne Action baut der Autor eine gehörige Menge Spannung auf. Man darf halt nur nicht davor zurückschrecken, in den Abgrund zu gucken, der sich nie weit entfernt auftut.

Meine Empfehlung: lesen!

Louise Welsh – Naming The Bones

Und wo wir gerade über Abgründe reden: in den Büchern von Louise Welsh bekommt man in dieser Hinsicht meistens einen guten Blick. Naming the Bones ist kein Thriller im herkömmlichen Sinne, ein echtes Verbrechen sucht man vergeblich. Es kommt auch kein Albino und haut dem Helden, der ein Geheimnis zu lüften versucht, in einer verstaubten Bibliothek eins über. Es gibt nicht mal einen Bösewicht! Denn für Welsh sind die Geheimnisse der Leute und die großen und kleinen Lügen, die sie erzählen, um diese zu schützen, ausreichendes Material für eine spannende Geschichte, die gleichermaßen anrührt wie sie abstößt. Mir kommt schon wieder das kalte Grausen (und die Tränen), wenn ich jetzt beim Schreiben an die letzten Seiten denke.

Außerdem ist es gut geschrieben, wirkt nicht konstruiert und versucht sich nicht am Moralisieren. Vielleicht das beste Buch, das ich in 2010 gelesen habe.

2 Responses to Gelesen: Deprimierendes

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