Gelesen: Richard Price – Freedomland

Jetzt habe ich schon wieder ein Buch gelesen, das eine Empfehlung von Stephen King mitbekommen hat: „An enormous achievement–Freedomland is Bonfire of the Vanities without the laughs, New Jersey as the ninth circle of hell, and in the end everyone burns.“ Aber nicht deswegen habe ich Freedomland ausgesucht, sondern weil zwei andere Titel von Price, Clockers und Lush Life, mir gut gefallen haben.

Als vor ein paar Jahren eine Verfilmung mit Samuel L. Jackson und Juliette Moore ins Kino und dann auch schon ins Fernsehen kam, hat mich die Geschichte nicht sonderliche interessiert: eine weiße Frau taucht blutend in einer  hauptsächlich von Schwarzen bewohnten Gegend im Krankenhaus auf. Zunächst sagt sie nur, ein Schwarzer habe ihr Auto gestohlen, erst Stunden später fügt sie hinzu, dass ihr vierjähriger Sohn auf dem Rücksitz geschlafen habe. Das klang nicht unspannend, aber erst in dem Wissen um Richard Price’s andere Arbeiten, wurde meine Interesse wirklich geweckt.

Und ich wurde nicht enttäuscht. Neben der Thrillerhandlung, die bei Price wie so oft nur Projektionsfläche für ein größeres Panorama ist, entfaltet sich auf über siebenhundert Seiten das Portrait einer zerrissenen Gesellschaft, in der Ignoranz, Verzweiflung und Stolz eine immer weiter eskalierende Kette von Ereignissen auslösen.

Auf der Suche nach dem Jungen riegelt die Polizei, unterstützt von Kollegen aus der benachbarten, hauptsächlich von weißen Arbeitern bewohnten Nachbargemeinde, aus der das Opfer stammt, die „schwarzen“ Wohnblocks in der (fiktiven) Gemeinde Dempsy ab. Bald kochen die Emotionen hoch, dem Argument, es gehe doch um das Leben eines Kindes wird schnell die Frage entgegengestellt, ob man mit dem gleichen Aufwand nach einem schwarzen Kind suchen würde, das in einem weißen Viertel vermisst wird. Als dann noch ein deutlich Unschuldiger Schwarzer verhaftet wird, droht die Lage endgültig außer Kontrolle zu geraten. Der Eskalation in den Hochhaussiedlungen stehen im Wechsel ruhige Kapitel gegenüber, in denen der leitende Ermittler und eine Reporterin die Mutter des verschwundenen Kindes begleiten.

Es ist Price hoch anzurechnen, dass er nebenbei auch noch eine Reihe authentischer, realer Charaktere entwickelt, die den üblichen Stereotpyen sowohl des Thriller-Genres als auch denen des amerikanischen Solzialromans trotzen; gar nicht mal, weil sie sich anders verhalten als der Leser erwartet, sondern weil man ihnen ihre Motivation abnimmt, sich manchmal genauso zu verhalten. Oder eben doch anders. Nicht selten beschreibt hier die Kunst eine Leben, welches die Kunst zu imitieren versucht. Price’s am häufigsten gelobte Stärken sind sein Sinn für Dialoge und sein Umgang mit zeitgenössischem Slang, sowie seine scharfen Beobachtungen an den feinen Rissen im sozialen Gefüge des modernen Amerika. Auch in Freedomland spielt er diese Stärken gekonnt aus und fügt furchtbar realistische Beschreibungen menschlicher Dramen hinzu. Durch all das zieht sich die quälende Ungewissheit über das Schicksal des verschwundenen Kindes.

Und trotz des großen Umfangs und seiner Vielschichtigkeit wirkt der Roman nicht überladen oder zäh. Das Erzähltempo wechselt nicht ausschließlich mit den Handlungssträngen, aber scheinbar immer zum richtigen Zeitpunkt. Die Dialoge wirken, zumindest im amerikanischen Original, trotz der vielfachen Verwendung von Slang nicht aufgesetzt und der Stil ist klar und präzise.

Empfehlenswert? Auf jeden Fall! Ein Buch wie ein ganz fieser Würgegriff: es tut weh, raubt einem den Atem und man kommt nicht so leicht wieder raus.

Der Deutsche Titel lautet übrigens „Das Gesicht der Wahrheit“.

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