Reise in die Vergangenheit

Gestern Abend habe ich das erste kleine Regal im Arbeitszimmer abgebaut und zumindest einen Teil des ganzen Krams, der mitten im Raum stand, in die Ecke neben der Tür verfrachtet. Auch meine Bestrebungen, aus etwa sechs Kisten/Kästen/Kartons mit Büromaterialien eine einzige mittelgroße Kiste zu packen, sind jetzt weitestgehend abgeschlossen; jedenfalls, bis ich den nächsten Kasten mit Bleistiftminen und Heftklammern finde.

Gestern habe ich dann jedenfalls auch eine Kiste mit alten Postkarten und Briefen gefunden. Zunächst dachte ich, die seien alle von Gesine, denn obenauf lagen ein paar Sachen von ihr, ich glaube, von ihrem Junggesellinnenabschied. Eigentlich wollte ich nur kurz den Kiste leeren und die Briefe auf den „zu sortieren“ Stapel legen, denn genau so eine Kiste hatte Gesine von mir verlangt, als Voraussetzung dafür, endlich die Schubladen aus der alten Kommode sortieren zu können. Beim Herausnehmen wurde mir dann aber schnell klar, was in in den Händen hielt. Alle diese Karten und Briefe waren an mich gerichtet, von einer Vielzahl von Absendern. Es waren hunderte und auf keinen Fall konnte ich viele lesen, aber ich habe doch jeden einzelnen zumindest noch einmal in der Hand gehalten und nachgeguckt, wer mir da geschrieben hatte.

Da waren Geburtstags- und Weihnachtsgrüße von Familienmitgliedern, Urlaubserinnerungen von Schulfreunden, vergebliche Versuche, Urlaubsbekanntschaften aufrechtzuerhalten, Einladungen zu längst gelösten Verlobungen, da wurde ewige Liebe versprochen und wieder zurückgenommen, Ausreden und Entschuldigungen vorgebracht, von fernen Ländern und großen Städten erzählt und jede Menge Unsinn verbreitet.

Die Absender – abgesehen von Familienmitgliedern – kannte ich von der Schule, aus dem Urlaub, von der Uni, aus der Kneipe, über gemeinsame Bekannte, aus der Nachbarschaft und schon aus dem Kindergarten.

Zwei Postkartenmotive habe ich doppelt gefunden, verschickt von einander unbekannten Leuten in verschiedenen Jahren: eines aus Tunesien, eines aus Irland. Eine ansonsten leere Postkarte hatte die Empfängeradresse voreingetragen, aber ich habe die Karte nie geschrieben. Die Urlaubskarten kamen von insgesamt fünf Kontinenten und unzähligen Ländern.

Ich kann nicht sagen, dass mir beim Zuklappen der Kiste klar wurde, dass jetzt ein neues Kapitel in meinem Leben beginnt, denn gar so überraschend ist dies ja nun nicht und ich wäre ein Narr, wenn mir das nicht schon bewusst gewesen wäre. Trotzdem war ich mir der Symbolhaftigkeit dieses Aktes sehr bewusst, und ganz kurz, für den Bruchteil einer Sekunde, hat es gezwickt. Aber jetzt ist der Deckel zu und wird wohl so schnell nicht wieder abgenommen.

Dafür aber Grüße an viele Leute, die das hier alles sowieso nicht lesen (in loser Reihenfolge und nicht vollständig): Cif, Judith, Steffi, Steph, LadaLars, Nemo, Bodo, Rebekka, Petra, Ramona, Danny, Andrea, Ludmilla, Ines, Gudl, Bine, Bolle, Hämmer, Bianca, andere Bianca, Ludmilla, Bibi, Harald, Nicole, Calle, Amelie, Anette, Herbert, Fanta, Rreltin, Dunja, Sera, Tanja, Dina, Frank, Heike, Maren, nochmal Maren, Karen und Karin, Momo, Mats, Andrea, Frank, Sandra, Julia, Marius, Antje und alle anderen, die dazu beigetragen haben, diese Kiste mit Erinnerungen zu füllen. Manchmal vermisse ich manche von Euch.

Besondere Grüße gehen natürlich an diejenigen, deren Karten und Briefe ebenfalls dort drin sind, die ich immer noch treffe und die das hier vielleicht auch lesen. Euch gilt mein großer Dank, denn Ihr habt das Schließen des Deckels erst erträglich gemacht.

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